Marilu

IMG_5249

 

Titel: Marilu

Autorin: Tania Witte

Verlag: Arena

Seiten: 287

Erschienen: 2021

 

 

 

 

 

Die Geschichte von „Marilu“ beginnt mit Elli. Sie war für einige Zeit in einer Kinder- und Jugendpsychatrie. Damals war sie 15 und litt an einer Erschöpfungsdepression, auch Burnout genannt. Ellis Angst zu scheitern war so groß, dass sie Dinge gar nicht erst versuchte. Sie hatte aufgehört zu sprechen und konnte sich manchmal auch nicht mehr bewegen. In der Klinik Sonnenblick lernte Elli Marilu kennen, der es gelang, sie mit ihrer Fröhlichkeit und sprühenden Energie aus der Erstarrung zu reißen. Außerdem machte Elli eine Therapie, bekam Medikamente und konnte bald wieder entlassen werden.

Marilu hingegen leidet an einer bipolaren Störung, das heißt, sie hat abwechselnd manische und depressive Phasen. Entweder sie ist niedergeschlagen, müde, mutlos und voller Selbstzweifel (depressive Phase) oder unruhig, übermütig, fröhlich, sprühend vor Ideen und guter Laune, größenwahnsinnig und selbstüberschätzend (manische Phase). Ihr Leben ist viel intensiver als das von anderen, oft macht sie krasse Dinge, aber als Marilu Elli kennenlernte, nahm sie ihre Medikamente und wurde dadurch gebremst.

 

Die beiden taten sich gut und als Elli die Klinik verließ, schworen sie sich ewige Freundschaft. Also das Buch beginnt, liegt dieses Versprechen bereits zwei Jahre zurück. Wir erfahren, dass Elli in der Zwischenzeit den Kontakt zu Marilu abgebrochen hat – und damit auch ihr Versprechen. Sie wollte sich auf ihr neues Leben konzentrieren und mit ihrer Vergangenheit abschließen. Darum hat sie auch ihrem neuen Freund Tom nicht von ihren psychischen Problemen und dem Aufenthalt im Sonnenblick erzählt. Und auch nicht von Marilu.

Inzwischen steht Elli wieder mit beiden Beinen fest im Leben. Sie freut sich auf die anstehenden Sommerferien, die sie zusammen mit Tom in den USA verbringen wird. Doch dann kommt alles ganz anders als erwartet, denn Elli findet einen Umschlag in ihrem Briefkasten. Als sie ihn öffnet und sieht, was sich darin befindet, weiß sie sofort, wer ihn geschickt hat: Marilu. In dem Umschlag steckt eine kleine Sonnenuhr an einer Kette, Elli hatte sie von ihrer Oma bekommen und sie Marilu am letzten Tag im Sonnenblick zum Abschied geschenkt. Und nie würde sie vergessen, was Marilu ihr daraufhin geschworen hatte: „Wenn ich ES jemals tue, geb ich dir die Kette zurück, Elli.“ Elli war sofort klar, was Marilu mit ES meinte. Und nun ist sie in größter Sorge: Wird Marilu sich jetzt umbringen? Oder hat sie es vielleicht sogar schon getan???

Doch dann entdeckt Elli in dem Briefumschlag auch eine kleine Notiz. Marilu möchte, dass Elli sie zusammen mit ihrem Bruder Lasse sucht – und findet – bevor es zu spät ist. Und weil sie keine andere Wahl hat, macht sich Elli zusammen mit Lasse auf den Weg. Es beginnt eine krasse Schnitzeljagd durch Deutschland, immer auf der Suche nach den Umschlägen mit orangener Schrift, die Marilu an den unmöglichsten Orten versteckt hat. Darin befinden sich Aufgaben. Und zwar solche, die Elli und Lasse immer wieder an ihre persönlichen Grenzen führen sollen. Und darüber hinaus. Marilu geht es darum, die beiden erfahren zu lassen, wie sie sich selbst oft fühlt. Schließlich muss SIE aufgrund ihrer psychischen Erkrankung auch immer wieder ihre eigenen Grenzen übertreten, um sich selbst zu spüren und zu fühlen, dass sie noch am Leben ist …

Begleitet werden die beiden dabei von Tom, der Elli hinterhergefahren ist, und von Jule, die sie zwischendrin kennenlernen und die sich ihnen anschließt.

IMG_6607-2

Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Die Charaktere sind sympathisch (meistens), die Handlung ist sehr spannend und die Dialoge sind oft unterhaltsam. Besonders cool finde ich, dass Tania Witte es geschafft hat, dass die Atmosphäre im Buch trotz der ernsten Themen sommerlich-leicht und lebensfroh ist. „Marilu“ ist daher auch kein klassisches Mental-Health-Buch, sondern ein spannender und sommerlicher Roadtrip, der die Freundschaft feiert. I love it!

Ohne von Corona und allem, was diese Pandemie mit sich brachte, zu wissen oder es auch nur zu erahnen, hat Tania Witte ein Buch verfasst, das super in diese Zeit passt: Gerade viele Jugendliche, das zeigen Studien und davon berichten Beratungsstellen, entwickeln derzeit psychische Probleme oder haben sie in den letzten Monaten entwickelt, sei es zum Beispiel in Form von Essstörungen oder eben auch Erschöpfungsdepressionen. Mangelnde soziale Kontakte, das Homeschooling und die damit fehlende Trennung von Schule und Freizeit, der Druck, alles selbst organisieren und auf die Reihe bekommen zu müssen, Entgrenzung und Überforderung, Mangel an Sport und „normaler“ Freizeit, Zukunftsängste, das enge Aufeinanderhocken mit nervigen Geschwistern oder Eltern, die wenig Verständnis zeigen, sind nur einige Gründe dafür. Bei manchen kam oder kommt auch noch häusliche Gewalt (körperlich oder psychisch) hinzu. Ich kenne so viele, die sich jetzt völlig ausgelaugt und energielos und niedergeschlagen fühlen und nur noch einen Wunsch haben: Ihr altes Leben zurück. „Marilu“ ist da beklemmend aktuell, denn auch Elli hatte mit einer Erschöpfungsdepression zu kämpfen.

Durch die Rückblicke nach Sonnenblick erfährt man mehr über Ellis Probleme. Und man lernt auch Marilu kennen, die ansonsten in den ersten drei Vierteln des Buches nicht auftaucht (was ich auch sehr spannend fand). Beim Lesen habe ich ein einiges über das Thema Erschöpfungsdepression und auch über Bipolarität gelernt. Ausserdem gibt Tania Witte Einblicke in die Therapie. So erfährt der/die Leser*in zum Beispiel, was Elli tun soll, wenn sie merkt, dass sie von ihren Gefühlen überwältigt wird und wieder droht zu „erstarren“. Sie soll dann zum Beispiel Rechnen, sich auf ihren Atem konzentrieren oder versuchen, den Boden zu erspüren. Nebenbei gibt das Buch auch Einblicke in das Leben der Geschwister von Kindern und Jugendlichen, die psychisch krank sind. An sie ist die Erwartung „zu funktionieren“ oft groß und sie leiden meistens stumm, so wie Lasse.

Warum hat die Autorin gerade diese psychischen Probleme ausgesucht? In meinem Livetalk mit ihr bei Instagram hat Tania diese Frage beantwortet. Sie erklärte, dass das Buch ohne Marilus bipolare Störung nicht funktionieren würde. Und Elli hat eine Erschöpfungsdepression, weil Tania in Gesprächen mit Jugendlichen öfter auf das Thema aufmerksam geworden war.

Die Charaktere entwickeln sich im Laufe des Buches weiter, stellen sich ihren Ängsten und wachsen über sich selbst hinaus. Zwischendrin war ich ein paar Mal echt wütend auf Marilu. Was tut sie Lasse und Elli an? Wie die Protagonist*innen miteinander umgehen wirkt real, es gibt keine aufgesetzte Jugendsprache. Tania hat es auch dieses Mal geschafft, die Jugendlichen in ihrem Buch authentisch wirken zu lassen.

Auch das Thema Diversität wird (auch das typisch Tania Witte) nebenbei mit eingebracht. Eine*r der Protas ist offen queer und bei einer zweiten Person ist es zwischen den Zeilen erkennbar (turn your gaydar on if you have one 😉).

Ich mag die Geschichte generell total gerne, die lockere & entspannte Atmosphäre, den tollen Schreibstil, die Spannung … – und die Perspektive ist auch echt cool: Marilu ist die Hauptfigur des Buches, es wird aber aus der Perspektive von Elli erzählt. Was für ein move!!! Abgesehen davon ist die Story total rund und das Buch auch ein bisschen philosophisch..

Ich empfehle das Buch ab 13 Jahren und gebe ihm ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

P.S. Ich durfte das Manuskript im Sommer 2020 testlesen, was mich sehr geehrt und gefreut hat. Meine Änderungsvorschläge flossen auch in die Geschichte mit ein (was mich noch mehr gefreut und noch mehr geehrt hat). Es war für mich total spannend, den Entwicklungsprozess des Buches ein Stück weit begleiten zu dürfen. „Marilu“ wird darum für mich immer ein Herzensbuch sein 💛

 

Hier findet Ihr meine Rezensionen zu Tanias anderen Büchern und ein Link zu meinem Interview mit ihr (November 2019 in Berlin)

Die Stille zwischen den Sekunden (2019)

Wild – Sie hören dich denken (2020, mit Antje Wagner als Ella Blix)

Der Schein (2018, mit Antje Wagner als Ella Blix)

„Ich glaube nicht an Happy Ends“ (Interview von November 2019)