Wild – Sie hören dich denken

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Titel: Wild – Sie hören dich denken

Autorin: Ella Blix (Antje Wagner / Tania Witte)

Verlag: Arena

Seiten: 372

Erschienen: 2020

 

Olympe, Ryan, Noomi und Flix sind vier Jugendliche aus Berlin. Sie alle haben Mist gebaut, müssen aber nicht in den Jugendknast, sondern „dürfen“ stattdessen in ein Camp in der sächsischen Schweiz. Tief im Wald sollen sie sechs Wochen lang unter Aufsicht und Anleitung alte Blockhütten renovieren.

Da die Kapitel abwechselnd aus den Perspektiven der Jugendlichen erzählt sind, lernt man alle vier schnell kennen: Olympe liebt Bücher und Schmuck, trägt Klamotten in auffälligen Farben und eine Hipsterbrille. Noomi ist 15 wie Olympe, hat wilde Locken und eine seltsame Augenfarbe (orange!). Schon früh erfährt man, dass sie absichtlich mit einem Baseballschläger das Fenster eines Juweliergeschäftes zerschmettert hat. Nicht, weil sie etwas klauen wollte, sondern weil sie hoffte, als Strafe in eben dieses Waldcamp zu kommen. Denn vor genau einem Jahr war sie auf einem Schulausflug ganz in der Nähe – und damals ist etwas schlimmes passiert. Was genau, weiß Noomi selbst nicht. Sie war blutverschmiert auf einem Felsvorsprung aufgewacht; für die 24 Stunden davor: Totaler Blackout! Nur ab und zu blitzen Erinnerungsfetzen auf, die sie selbst nicht einordnen kann. Da ihr weder die Polizei noch ihre Eltern glauben, will sie auf eigene Faust herausfinden, was geschehen ist. Dritter im Bunde ist Ryan, der erst 14 ist und ein schmächtiger und schüchterner Typ. Nummer vierte ist der attraktive und bereits 17jährige Flix. Im Camp werden sie von der herb-strengen Sophia Jorek betreut, die sich von allen nur mit „Jorek“ ansprechen lässt, von einem Mann namens Gunnar und dessen Tochter Lara, die Anfang 20 ist.

Die Bedingungen vor Ort sind nicht sehr komfortabel. Das schlimmste aber ist, dass seltsame Dinge passieren: Persönliche Gegenstände, die besonders wichtig sind, werden gestohlen. Außerdem fühlen sich die vier aus der Tiefe des Waldes beobachtet. Wer ist dort unterwegs? Und was hat diese Person oder haben diese Personen vor? Hat es etwas mit Noomis Verschwinden im vergangenen Jahr zu tun? Und warum benehmen sich die Waldtiere so seltsam? Wieso wird Lara mehrfach von einem Vogel attackiert?

Die Geschichte wird schnell mega spannend. Der Schreibstil ist dabei sehr locker und flüssig, man „gleitet“ so durch die Seiten. Ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht und habe daher immer weiter und weiter gelesen, bis ich das Buch nach zweieinhalb Stunden durch und es in dieser Zeit nicht ein einziges Mal (!) aus der Hand gelegt hatte. Mit der Zeit gewinnt das Geschehen immer mehr an Fahrt und hält einige Überraschungen bereit. Besonders gut hat mir gefallen, wie die Vergangenheit der vier und das „große Geheimnis“ immer weiter aufgedeckt wird. Überall sind kleine Hinweise platziert, weswegen es sicher Spaß macht, das Buch auch noch ein zweites Mal zu lesen.

Die jugendlichen Protagonist*innen waren mir alle sehr sympathisch, jede*r hat seine Eigenheiten und eine Geschichte zu erzählen. Die vier sind mir mit der Zeit immer mehr ans Herz gewachsen. Durch die abwechselnde Erzählweise erfährt man viel über jede*n einzelne*n und seine/Ihre Sichtweise auf das Geschehen. Die Erwachsenen bleiben dagegen eher distanziert und ich fand sie wenig sympathisch: Jorek wirkt kühl, Gunnar macht auf soft, ist gleichzeitig aber ein riesiger Fan seiner Tochter und bei Konflikten mit den Jugendlichen immer auf ihrer Seite. Eine unangenehme Mischung! Lara ist überheblich und taff, macht aber im Laufe des Buches eine Entwicklung durch.

Aus den vielen kleinen detaillierten Beschreibungen spricht die Begeisterung der Autorinnen für die Natur und ihre Liebe zum Wald. Dadurch hatte ich oft das Gefühl, selbst vor Ort zu sein. Verschiedene naturwissenschaftliche Themen spielen in „Wild“ eine Rolle, was ich sehr spannend fand. Ob das inhaltlich alles wirklich so sein könnte, wie die Autorinnen sich das ausgedacht haben, daran hatte ich schon Zweifel. Aber das hat den Lesespaß nicht gestört.  Es ist eben Fantasy bzw. Science Fiction! Nicht so glaubhaft fand ich, dass es Noomi gelungen ist, den Ort ihrer Strafe (Camp statt Knast oder Sozialstunden) mitzubestimmen. In einer Großstadt wie Berlin, wo tagtäglich viele kleinere und größere Delikte auch durch Jugendliche passieren, gäbe es sicherlich genug Kandidat*innen für so ein Camp und ich kann mir kaum vorstellen, dass Richter*innen sich da hineinreden lassen. Aber auch dieses Detail war für den Spaß am Buch egal. Genauso übrigens die Tatsache, dass sich niemand wirklich über Noomis seltsame Augenfarbe gewundert hat (außer mir als Leserin).

Das von Alexander Kopainski gestaltete Cover ist wunderschön (auch auf der Rückseite und auf dem Buchrücken), fühlt sich nice an und macht richtig Lust, das Buch zu lesen. Ein wahres Schmuckstück im Regal! Trotz der fast 400 Seiten wirkt das Buch übrigens erstaunlich dünn, ist gleichzeitig aber 700 g schwer. Das liegt am Papier, denn der Arena-Verlag hat das Buch auf Umweltschutzpapier drucken lassen, das sogar mit dem blauen Engel zertifiziert ist. Durch das Recycling ist das Papier dünner und dichter und damit schwerer als neues Papier. Auch auf eine Plastikfolie und einen Schutzumschlag hat Arena verzichtet. Sehr cool!!!

Obwohl das Buch sehr spannend ist, habe ich mich nicht wirklich gegruselt, was ich vorher ein bisschen befürchtet hatte. Mir hat „Wild – Sie hören Dich denken“ sogar noch besser gefallen als „Der Schein“, das erste Buch von Ella Blix. Ich hatte eine bessere Bindung zu den Protagonist*innen und auch das Ende gefiel mir besser.

Was ich auch gut fand: Alle Schlüsselfiguren in dem Buch sind weiblich und es gelingt den Autorinnen, auf Genderklischees zu verzichten. Mehr kann ich nicht verraten, ohne zu spoilern, aber ich fand das sehr cool.

Am Ende des Buches gibt es übrigens noch so eine Art Chat. Mein Tipp: Diese Textblasen auf keinen Fall zu Beginn lesen, sondern wirklich erst am Ende des Buches –Spoilergefahr!!!  Ich fand die Idee super. Es hat mich an „Die Stille zwischen den Sekunden“ (Solo-Buch von Tania Witte) erinnert. Dort spielen Textmessages eine wichtige Rolle und ich habe sie schon dort gerne gelesen.

Ein MEGA Buch, dass ich jeder/jedem ans Herz legen kann, der/ die spannenden Lesestoff liebt – und ein absolutes Muss für alle, die gerne in der Natur und im Wald unterwegs sind! Perfekt für den nächsten Urlaub im Harz, im Thüringer oder Bayerischen Wald oder in der Sächsischen Schweiz, aber auch am Strand oder auf dem heimischen Sofa gut zu lesen.

Ich gebe dem Buch ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ und empfehle es ab 12 Jahren.

Hier findet Ihr noch ein paar Links und Fotos 👇 👇 👇

Rezension zu Der Schein (erstes Buch von Ella Blix),

Rezension zu Die Stille zwischen den Sekunden  (Jugendbuch von Tania Witte),

Interview mit Tania Witte („Ich glaube nicht an Happy Ends“). Darin ging es auch um Ella Blix.

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