Astrolabius lebt auf dem Mond

IMG_2495

Titel: Astrolabius lebt auf dem Mond

Autor*in:   Martin Wintersberger/ Manuela Wieninger

Verlag:  Astro Entertainment

Band: 1

Seiten: 108

Erschienen: 2020

Astro, der eigentlich Astrolabius heißt, lebt mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester in der Zukunft. Ihr Zuhause ist Alpha Prime (vermutlich ein Planet, aber so genau wird das im Buch nicht erklärt). Astro ist total begeistert vom Weltall und von der Raumfahrt, darum hängt in seinem Zimmer auch eine Sternentapete und er hat eine Spielzeugrakete und viele kleine Astronauten. Er träumt davon, später selbst Astronaut zu werden – oder Forscher wie sein Vater.

IMG_2487

Eines Tages geht aber erst mal ein anderer großer Traum von ihm in Erfüllung: Er darf den Mond besuchen. Sogar für länger, denn sein Vater hat dort einen neuen Job. Schon am nächsten Tag muss die Familie umziehen und Astro verschenkt ohne traurig zu sein, sein ganzes Spielzeug (was ich beides wenig glaubwürdig fand), nur seinen Lieblingsastronauten behält er. Das Spaceshuttle bringt die Familie zunächst zum Orbit Alpha. Er wird im Buch wie eine Art riesengroßer Flughafen beschrieben, mit vielen Geschäften, in denen es die unterschiedlichsten Dinge zu entdecken gibt, zum Beispiel in verschiedenen Farben schillernde Raumanzüge oder ungewöhnliche Süßigkeiten. Astro und seine Schwester Claire dürfen Orbit Alpha alleine entdecken, obwohl kurz darauf ihr Shuttle zum Mond geht (auch das erschien mir wenig realistisch, zu mal es in dem Buch keine Kommunikationsmittel wie Handys gibt). Dabei geht die kleine Schwester verloren, Astro findet sie aber wieder – in der Puppenabteilung eines Spielzeugladens. Und ihnen läuft ein Hund zu, den sie Sternschnuppe nennen und kurzerhand zum Mond mitnehmen.

Auf dem Mond angekommen, macht Astro erst mal eine Entdeckungstour, lernt den Jungen Nolan kennen und freundet sich mit ihm an, geht in seine neue Schule und trifft den unfreundlichen Erik Stone und dessen Kumpels, die ihm sofort unsympathisch sind. Das Buch endet damit, dass Astro beschließt, an seiner Schule einen Fecht-Kurs zu besuchen.

Meine Schwester, die sich sehr für das Weltall und Raumfahrt interessiert, hat das Buch zuerst gelesen und fand es gut. Da ich neugierig war und es mit knapp 100 Seiten ja auch ziemlich dünn ist, habe  ich es dann auch gelesen und muss sagen, dass ich ECHT SCHOCKIERT war. Aber ich fange mal mit dem Positiven an:

Das Buch enthält einige wenige Illustrationen, von denen manche an Mangas erinnern. Mir haben sie ganz gut gefallen. In der Geschichte gibt es auch einige Ideen zum Thema „Leben im Weltall“, die ich spannend und unterhaltsam fand. Es regt dazu an, sich auszumalen, wie es wäre, selbst einen Planeten (oder Mond) zu entdecken – jedenfalls, wenn mensch sich generell für das Thema interessiert.

Zu meinen Kritikpunkten: Es gibt einige logische Schwächen, die aus meiner Sicht nicht zum Alltag von Kindern und Familien passen (einige habe ich oben genannt: Die Familie erfährt erst einen Tag vorher von dem Umzug, Astro verschenkt gut gelaunt alle seine geliebten Spielsachen und darf auf dem riesigen Weltraumbahnhof alleine mit seiner Schwester  herumstromern, obwohl die Familie unter Zeitdruck ist. Das Buch spielt  in der Zukunft, aber persönliche Kommunikationsmittel wie Handys gibt es nicht …).

Was mich an diesem Buch aber wirklich ENTSETZT hat, sind die vielen Genderklischees und altmodischen Rollenzuschreibungen. Sie geben einer/einem das Gefühl, dieses Buch sei geradewegs aus dem 1950er Jahren in unsere Zeit geplumpst. Als Buchbloggerin lese ich ja sehr viel, aber ich kann mich nicht erinnern, jemals ein aktuelles Kinderbuch in den Händen gehalten zu haben, in dem es so viele altmodische Rollenklischees gibt …

Einige Beispiele:

Astros Vater Marvin ist ein cooler Typ und anerkannter Forscher. Seine Mutter Lilly ist Hausfrau und (das wird besonders herausgestellt) – sehr schön. Ausserdem wird sie in allen Szenen als sehr lieb und caring gegenüber den Mitgliedern ihrer Familie dargestellt. Astro ist ein cooler, mutiger und aufgeweckter Junge, der auf dem Mond sofort nach draußen stürmt, um ihn zu entdecken. Seine kleine Schwester interessiert sich vor allem für Puppen. Als sie auf dem Flughafen verloren geht, findet Astro Claire in einem Spielzeugladen wieder, in einer Abteilung mit Puppen. Zitat: „Jedes Mädchen würde bei diesem Anblick Luftsprünge machen!“ (S. 30). In der Gedankenwelt des Autors und der Autorin scheint klar verankert zu sein, dass ALLE MÄDCHEN Puppen lieben (zu lieben haben).

Noch mehr geärgert haben mich aber die Rollenzuschreibungen.  Der Vater ist klar der Boss der Familie. Als er von der Arbeit nach Hause kommt (die Mutter hat gekocht), teilt er den anderen mit, dass sie am nächsten Tag umzuziehen werden (S. 12), was diese widerspruchslos akzeptieren. Marvin ist es auch, der den Kindern und Lilly im Spaceshuttle erklärt, dass sie keine Angst haben müssen, als sie in einen Meteorschauer geraten (S. 38). Und als den Kindern ein Hund zuläuft, entscheidet er alleine, dass sie ihn mitnehmen dürfen: „Marvin dachte kurz nach, während Lilly ihm lächelnd zuzwinkerte und die Kinder vor lauter Spannung die Luft anhielten. Dann nickte er und sagte: ‚Also gut. Nehmen wir den Kleinen mit.'“ (S. 33). An ihrem ersten Tag auf dem Mond geht der Vater zur Arbeit ins Labor, die Mutter bleibt Zuhause, einen Job hat sie anscheinend nicht. Auch Astro verlässt die neue Wohnung, er will die Mondstation entdecken (S. 41). Seine Schwester bleibt mit der Mutter drinnen. Das vermittelte Bild: Männer und Jungen ziehen hinaus in die Welt, Frauen und Mädchen bleiben in den sicheren Räumen, warten auf die Rückkehr der männlichen Helden und nutzen die Zeit, um es dort behaglich zu machen …

Was ich auch richtig krass fand: Das Ansehen der Jungen (Astro, Nolan, Astros Widersacher Erik Stone und dessen Kumpel Collin) hängt von der Stellung des Vaters ab (S. 105). Nolans Vater ist „nur“ Techniker, der von Collin „nur“ Verkäufer. Der von Erik hingegen ein bekannter Forscher. Diese Beurteilung findet Astro zu Recht blöd. Aber: Von den Müttern und deren Jobs ist überhaupt keine Rede! Sie scheinen alle nicht zu arbeiten oder jedenfalls ist es nicht von Interesse, was sie tun. Die einzigen Frauen, die im Buch noch auftauchen sind eine Servicekraft am Flughafen, die Besitzerin eines Ladens auf dem Mond und eine Lehrerin. Auch die Schuldirektorin ist weiblich (immerhin), aber im großen und ganzen arbeiten die Frauen gar nicht oder gehen typisch-weiblichen Berufen nach … Auch gleichaltrige (und gleichberechtigte) Mädchen kommen nicht vor. Astros Welt ist eine Jungswelt.

Wer meinem Blog folgt, weiß, dass ich selten negative Rezensionen poste, aber in diesem Fall muss es leider sein. Ich gebe dem Buch einen  ⭐️, weil es rund um das Thema Weltall einige nette Ideen enthält und einen halben ⭐️ für die Illus, die ganz ansprechend sind.

Die vielen Genderklischees und altbackenen Rollenzuschreibungen gehen aus meiner Sicht aber gar nicht. Ich kann daher nur empfehlen, Kinder ab 8 Jahren das Buch nicht selbst lesen zu lassen, sondern (wenn überhaupt) gemeinsam, und die Rollenbilder und Klischees zum Thema zu machen. Was wird dargestellt? Ist das in Ordnung – und warum nicht?

Einer Seite hinten im Buch ist zu entnehmen, dass dies der Auftakt einer neuen Reihe ist. Insgesamt sind 9 weitere Bände geplant. Und das ist nur die erste Staffel. Bleibt zu hoffen, das die Frauen und Mädchen in den Folgebänden Empowerment erfahren und auch die männlichen Protas sich mal anders verhalten dürfen, als es die üblichen Genderklischees für sie vorsehen …

IMG_2466